Stadtkirche Sankt Marien zu Stadtilm/ Thüringen

Unsere Kirche ist das älteste und bedeutendste Bauwerk in Stadtilm.  Das Westwerk mit dem Turmpaar prägt seit Jahrhunderten die Stadtsilhouette, diese Ansicht wurde auch als Stadtwappen übernommen. Mit umfangreichen romanischen und gotischen Gebäudeteilen, Skulpturen und vor allem den Wandmalereien ist sie ein Bauwerk von nationaler Bedeutung. Die erste Weihe ist für das Jahr 1235 überliefert. An gleicher Stelle stand ein Vorgängerbau.



Als Ort mit Stadtrecht ist Stadtilm erst ab 1268 nachweisbar. Da der Bau gleich in dieser Größenordnung begonnen wurde, kann man bereits vorher städtische Strukturen, eine überregionale Bedeutung und einen gewissen Wohlstand der Einwohner voraussetzen.

Ein
e Katastrophe für die Stadtentwicklung war der Stadtbrand von 1780. Die Stadt wurde zu etwa zwei Drittel vernichtet, auch die Kirche brannte völlig aus. Mit dem Wiederaufbau erhielt die Kirche ihre spätbarocke Innenausgestaltung.

    

Zwischen 1899-1903 fand eine umfassende Sanierung statt, der im wesentlichen das heutige Aussehen entspricht. Hierbei wurden die einsturzgefährdeten oberen Teile der Türme neu aufgebaut, Treppentürme angefügt, eine neue Deckenkonstruktion eingebaut u. v. a. m.. Mit dem Großprojekt wurde der Kirchenbaumeister Theodor Quentin aus Pirna beauftragt. Die Finanzierung erfolgte teilweise über Lotterieeinnahmen.

Einen Tage vor Einmarsch der US-Armee wurde die Kirche durch einen Bombentreffer der im Kirchgarten stehende Methfessel-Schule schwer beschädigt. Es ist davon auszugehen, daß die Bombardierung im Zusammenhang mit der Atomforschung der Gruppe um Dr. Kurt Diebner (Kaiser Wilhelm Institut, Berlin) in den Kellern der Mittelschule stand. Die am Vortag im Gelände stehenden Militärfahrzeuge wurden wohl durch Aufklärungsflüge der Alliierten bemerkt.
    

Eine komplette Innenrenovierung erfolgte 1984. Mit diesen Arbeiten wurde der obere Teil des große Deckengemäldes
nach alten Vorlagen ergänzt (Kriegsschaden).
Hierzu ein Beispiel für die alltäglichen Schwierigkeiten in der “DDR”-Zeit: Es war unmöglich ein Gerüst in dieser Größenordnung zu bekommen. So mußten Baumstämme organisiert werden, welche durch die Gemeinde entrindet und als Gerüst aufgebaut wurden.



Westwerk /
Türme

Die von weitem sichtbaren Türme mit ihrer Höhe von 43 Metern dominieren das gesamte Bauwerk. In diesem Bereich wurde der Kirchenbau begonnen, der untere Teil ist der Romanik zuzuordnen. Der Übergang zur Hochgotik der Turmhelme ist fließend und wirkt als harmonische Einheit.

I
n der Höhe der Schallfenster waren die Türme mit einer Brücke verbunden, welche als höchste Brücke Thüringens bekannt wurde. Um das gotische Aussehen zu betonen, wurde diese Verbindung 1900 entfernt. Im Nordturm befindet sich das Geläut und im Südturm die Uhr.

Das Stufenportal hat eine nicht zu verkennende Ähnlichkeit mit einem größeren Portal der Klosterruine Paulinzella.

Eine architektonische Besonderheit der Türme ist die Kombination eines Bogenfrieses mit einem darüber liegenden Deutschen Band. Ähnliche Ausführungen sind z.B. umfangreich am Wormser Dom und Speyerer Dom (Türme der Ostseite) zu finden.
    

Südportal
Für dieses frühgotische Portal sind die exponierten Sandsteinskulpturen (wahrscheinlich Matthäus und Johannes) mit den säulengetragenen Baldachinen prägend. Im ostlichen Strebepfeiler befindet sich eine Weihwassernische. Zwei ursprüngliche, mittlerweile stark abgewitterte Wasserspeier blieben erhalten. Zu der östlichen Teufelsfigur ist sogar eine Sage überliefert.

Die Portalvorhalle wurde 1902 mit dem Giebel und der Figurengruppe aufwendig vervollkommnet.
Stadtilmer Anzeiger 115/1902:
"Nachdem bereits in voriger Woche zwei Engelsfiguren dem Giebel der südlichen Vorhalle unserer Kirche eingefügt worden sind, gelangten am Di. die gleichfalls wie die genannten Figuren von Herrn Ernst Paul, Bildhauer Dresden, modellierten und unter seiner Leitung zur Ausführung gekommenen 3 Statuen, der Heiland und die Evangelisten Markus und Lukas, an demselben Giebel zur Aufstellung. ..."
      

Nordportal

Die Nordportalvorhalle wurde etwa in der Mitte des 14. Jahrhunderts angebaut. Man kann annehmen, daß dieses Portal von da an als Haupteingang genutzt wurde. Es ist reich mit diversen Schmuckwerk ausgestattet, viele interessante Detais sind zu entdecken.
Bei der Tür haben zwei weitere gotische Heiligenskulpturen die Zeiten überdauert. Besonders bemerkenswert sind die in der Kehle zum äußeren Spitzbogen angebrachten Fabelwesen mit sich anschließendem Weinlaubblattwerk. Auf den äußeren Kapitellen wurden um 1900 Statuen von Luther und Melanchthon aufgestellt. Recht ungewöhnlich ist ein Außengemälde aus gleicher Zeit, im Bildhintergrund ist Stadtilm dargestellt.
             

300-jähriges Graffito
Gelegentlich können über historische Graffiti weiterreichende Informationen erschlossen werden. Bei einer “Verewigung“ ist mit der Datierung 1714, dem Namen und der Ortsangabe Seebergen eine genaue Zuordnung möglich.
Nach freundlicher Auskunft über die Ev. Kirchengemeinde Seebergen wissen wir, daß dieser Johannes Conrad Weißhaupt in den Akten als Orgelmacher geführt wird und das Handwerk über längere Zeit in der Familie ausgeübt wurde. Der Aufenthalt in unserer Kirche stand daher wohl im Zusammenhang mit Arbeiten an hiesiger Orgel.

Bemerkenswert sind, trotz der Entfernung, die offensichtlich früheren engeren Beziehungen zwischen Seebergen und Stadtilm. Begründbar wäre dies durch die Zugehörigkeit beider Orte (Vogtei Seebergen als Exklave nur bis 1823) zum Fürstentum Schwarzburg-Rudolstadt und der Abgabenpflicht Seebergens an das Stadtilmer Kloster.
In über 400-jährigen Aufstellungen des Rentamtes wird zum Beispiel öfters Botenlohn nach Sehebergenn (damalige Schreibweise) abgerechnet. Selbst die älteste bekannte Erwähnung Stadtilms als Stadt steht im Zusammenhang mit Seebergen. In dieser Urkunde wird ein Stadtilmer Bürger benannt, welcher ein Stück Land der Seeberger Flur an das Zisterzienser Kloster Georgenthal verkaufte.


Albert Methfessel (1785 - 1869)

Sänger - Komponist - Dirigent
Freund von Stadtilmer Bratwürsten und Rudolstädter Bier

Johann Albrecht Gottlieb (vollständiger Name lt. Eintrag im Taufregister) Methfessel wurde in der im Kirchgarten stehenden Schule in Stadtilm geboren. Diese später nach ihm benannte Schule wurde am Ende des 2. Weltkrieges durch einen Bombentreffer zerstört. Sein Vater war Kantor, von ihm erlernte er u. a. das Orgelspielen. Er wuchs von daher recht vielseitig mit Musik auf und sein Interesse wurde frühzeitig geweckt und gefördert. Während seines Theologiestudiums in Leipzig war er am Gewandhaus musikalisch aktiv.
Sein Talent wurde auch von der Fürstin erkannt, welche seine Gesangsausbildung in Dresden finanziell unterstützte. In Rudolstadt war er als Kammersänger und Musiklehrer bis 1822 tätig. Methfessels Einfluß geht bereits damals weit über sein Wirken in Thüringen, im damaligen Fürstentum Schwarzburg-Rudolstadt hinaus. Mit vielen Persönlichkeiten stand er in Verbindung, auch Goethe und Familie Schiller gehörten zu diesem Kreis. Nach seiner Hamburger Zeit (1823-1832/
Komponist der Hamburg-Hymne) als "Organisator des Hamburger Musikwesens" ging er als Hofkapellmeister nach Braunschweig. 1841 mußte er diese Stelle aufgrund eines Gehörleidens aufgeben. Seine letzten Monate verbrachte er bei der älteren Tochter in Heckenbeck, wo sich auch seine Grabstätte befindet.

Solch ein breites musikalisches Spektrum, wie Sänger und Gesangslehrer, Komponist, Dirigent, Pianist, Rezensent und Musikschriftsteller, ist im heutigen Zeitalter der Spezialisierung so wohl nicht mehr vorstellbar. Die große Bedeutung seines Schaffens bzw. der Grund seiner Bekanntheit liegt vor allem in der Alltagstauglichkeit seiner Lieder, im Einsatz für des Chorwesen (Liedertafeln) und der Unterstützung der Deutschen Einheits- und Freiheitsbewegung, wobei sein Werk wesentlich umfangreicher ist. So erreichte sein erstes Commers- und Liederbuch bereits 1818 quasi deutschlandweit eine weite Verbreitung.

Der Kontakt in seine Heimat ist nie abgerissen. In Methfessels privaten Briefen erkennt man das große Interesse am Geschehen in seiner Vaterstadt, seinen Humor und sogar seine Liebe zu Stadtilmer Bratwürsten und Rudolstädter Bier. Folgende beispielhafte Zitate stammen aus Briefen (1839 bis 1842) an seinen Jugendfreund Johann Friedrich Ende.

„Ehrwürdige Person! Klein zwar der Figur nach, aber groß in Deiner Würde als Schützenhauptmann, nicht minder gross im Danebenschiessen! Schrecken aller vollen Bierkännchen und dampfenden Bratwürste ...“

„ ... Grüss mir übrigens die ganze Kompanie, und überhaupt alle braven Landsleute, und gedenkt meiner, wenn auch nicht in Euerm Gebete, (denn Ihr seid eben nicht die Frömmsten) aber doch in Euerer Fröhlichkeit, Gott beschere Euch gutes Bier, lange Bratwürste (Nur von frischen Fleisch,- Ludden seine waren im Sommer etwas wehmütig,) ...“

„ ... Um jedoch einen Wunsch zunächst aus zusprechen, so kannst Du meiner Zustimmung gewiss seyn, wenn Du einen kleinen Teil des zu hoffenden Gewinnes zu einem kleinen Fässchen “Rudolstädter Felskellerbier“ anwendest, und per Fracht mir baldmöglichst zusendest, als wonach meine Kehle sich längst gesehnt hat. ... “

    

Ehrentafel für Friedrich Daniel (Ehrenbürger von Stadtilm)

Kirchenrat und Superintendent Daniel wurde diese Tafel aus Dankbarkeit für seinen Einsatz zur Generalsanierung der Kirche vom Stadtrat 1903 gewidmet.